Kult-Corner:
Und der Guru meditiert...
"Oh
nein, jetzt ist mein Rechner schon wieder in Indien!"
Ein solches Zitat kann nur von einem frustierten Amiga-User
kommen, dessen Rechner mal wieder einen Systemabsturz mit der
Meldung "Guru Meditation" quittiert hat - fast jeder
Amiganer hat diese Meldung schon öfter gesehen, als es ihm lieb
ist. Aber woher kommt diese absonderliche Meldung eigentlich?
von Dennis Pauler
Wie immer begann alles am Anfang. Der Amiga, wie wir ihn kennen, war noch nicht mehr als ein Wirrwarr von Konstruktionszeichnungen, Prototypen und Softwarefragmenten. Die Firma Amiga war noch jung und weitestgehend unbekannt - und das war auch gut so. Im Geheimen arbeitete eine Gruppe von Entwicklern an einem revolutionären Computer (Codename: Lorraine) mit noch nie dagewesenen Features, wie einem echten 32-Bit-Multitasking-Betriebssystem, 4096 Farben und 4-Kanal-Stereo-Sound. Die Konkurrenz im Silicon Valley war wachsam und schickte zu jeder neuen Firma Spione, die mit Feldstechern die Fenster beobachteten. Um diese Beobachter zu täuschen (und um etwas Geld in die chronisch leere Kasse zu bekommen), stellte Amiga darüberhinaus Spiele für den Atari 2600 und Joysticks her.
Look Ma! No Hands!
Einer dieser Joysticks war eigentlich gar keiner,
sondern glich mehr einem Skateboard: Das "Joyboard".
Entwickelt für Ski- und Surfsimulationen mußte sich der
Benutzer mit den Füßen auf das Brett stellen und sein digitales
Alter-Ego durch Gewichtsverlagerung steuern (die Werbung sprach
damals auch von der Möglichkeit, normale Ballerspiele damit zu
spielen; wie man sich leicht vorstellen kann, war das aber alles
andere als einfach). Die Spieler sprachen auf das Joyboard jedoch
nur schlecht an und so wurde es kein großer Erfolg. Ein Exemplar
davon befindet aber immer noch im Besitz von Amiga Inc.
Auch wenn ihm kein kommerzieller Erfolg gegönnt war, so hatte
dieses Stück Peripherie dennoch einen großen Einfluß auf den
Amiga-Computer.
Ommmmmmm...
In endlosen Tagen und Nächten
arbeiteten die Väter des Amiga an Hardware und Betriebssystem.
Und, wie das nunmal so ist, stürzte der Prototyp-Rechner auch
regelmäßig ab. Um sich nach einer endlosen Fehlersuche zu
entspannen, benutzen die Entwickler das Joyboard und ein Programm
namens "Zen Meditation". Bei diesem Programm mußte man
sich mit verschränkten Beinen auf das Joyboard setzen und
versuchen, so ruhig wie möglich zu sitzen und sich so wenig wie
möglich zu bewegen. Wann immer sich jemand also auf das Brett
setzte war klar: Der Guru grübelt wieder über einem Problem.
Und so hatten die Fehlermeldungen bald ihren Spitznamen weg: Guru
Meditation...
Carl Sassenrath begründete seine Entscheidung, dem Benutzer auf
diese Weise einen Absturz mitzuteilen folgendermaßen: "Bis
dahin hatte jeder Computer einen Absturz nur durch einen
schwarzen Bildschirm signalisiert. Ich dachte mir also: Wenn ein
Programmier gerade mehrere Stunden Arbeit verloren hat, will er
wenigstens darüber lachen können."
Guru! Guru!
Nach der Übernahme der Firma durch Commodore wäre es
um den Guru fast geschehen gewesen, denn die Chefs bei Commodore
wollten die ihn durch die nüchterne Meldung "Software
Failure" ersetzen - sehr zum Entsetzen vieler externer
Entwickler, die sich heftig beschwerten.
Aus einem anderen Blickwinkel weiß Sam Dicker zu berichten:
"Ich besuchte diese Amiga-Gruppe (FAUG - First Amiga User
Group) und sah zu, wie die Mitglieder ihre Programme vorführten.
Jedesmal, wenn ein Programm abstürzte, fingen die Zuschauer an,
Gu-ru, Gu-ru, ...' zu rufen. Ich glaube nicht, daß sie das
mit Soft-ware fail-ure' gemacht hätten."
Und so schaffte es der Guru bis ins fertige Betriebssystem - bis
Commodore sich Anfang der 90er dann doch noch durchsetzte und ihn
ab Kickstart 2.0 entfernte. Aber wer weiß? Vielleicht hat ein
Entwickler der neuen Betriebssystemversionen ja ein Einsehen mit
den nostalgischen Fans und bringt ihn zurück...